CLINCH #Tag 2

Liebe Freund_innen, der zweite Tag des CLINCH-Festivals war ein diskursiver Exzess sondergleichen: von Mittag bis 24 Uhr nachts haben –  haben auf den Bühnen ausschließlich substantielle Gespräche mit über 20 eingeladenen Gästen stattgefunden, die in theoretischen, künstlerischen, praktischen, aktivistischen Feldern ihre beeindruckenden Erfahrungsschätze, Wissensbestände und Perspektiven mit einem krass interessierten Publikum geteilt haben. 12 Stunden wurde gesprochen, 12 Stunden wurde zugehört. Das geht wirklich nur, wenn alle hungrig sind nach eben solchen Orten, in denen die gewohnten Verhältnisse und Themen-wenn auch nur für einen kurzen Zeitraum- weitgehend unterbrochen und umgekehrt werden. Und hungrig danach scheinen ganz schön viele Leute zu sein; Leute, deren Nervenkostüm extremstens unter diesen ganz “gewöhnlichen” Verhältnissen leidet. Dazu wird es an dieser Stelle selbstverständlich keine Aufklärung geben, sehr wohl allerdings der Verweis auf Noah Sows Online-Seminar oder der Verweis auf zentrale aktivistische Theoretiker_innen, die sich seit Jahren mit Rassismus und Critical Whiteness im deutschsprachigen Raum auseinandersetzen wie zb Peggy Piesche, um eine der prominenten Gäste auf dem spannungsgeladenen Panel “Critical Whiteness” zu nennen. (Dazu an anderer Stelle mehr!) Einige Punkte im Festival, die in den letzten beiden Tagen definitiv zur entspannteren und vertrauensvolleren Atmosphäre gesorgt haben, waren die Zusammensetzung der eingeladenen Gäste, der Moderierenden und des Publikums, genauso wie die Tatsache, dass unter den Anwesenden nicht nur deutsch gesprochen wurde und, dass weiße Menschen kaum in aktiven Sprecherpositionen waren und dass es den “Hot-Spot für Power” gab, in dem die von dem Overload an Weißbrotgesichtern betroffenen sich zurückziehen und entspannen konnten. In diesem Setting also war es dann für möglichst viele möglich, von einer empowernden Veranstaltung zu nächsten zu tigern und zwischendurch am CLINCH-Kiosk den neu ausgelegtem Lesestoff zu durchstöberm oder an der Bar ein köstliches Sulu Yemek für unschlagbare 3 Euro einzunehmen.

Heute ist viel passiert, aber selbst die emsigste Bloggerin kann nicht zuhören und Post verfassen gleichzeitig. Daher jetzt, zu später Stunde (es ist 2:40 Uhr) werde ich es nur noch schaffen die letzte Veranstaltung zu besprechen (Alles weiter zu einem späteren Zeitpunkt). Also: Um Punkt 24 Uhr des heutigen CLINCH-Tages endete Simone Dede Ayivis Theater-Talk-Show PLANET X. Ich muss gestehen, ich habe mich seit meiner ersten Begegnung mit Simone Dede Ayivi auf dem letzten CLINCH-Festival 2016  zu einem Fan von ihr gemausert. Sie ist einfach besonders cool, feinfühlend und krachert zugleich. Das kommt selten vor, finde ich.  Für ihren Talk hatte sie je eine_n Künstler_in der Performance-Kollektive Swoosh Lieu, Talking Straight, Technocandy und der Fräulein Wunder AG eingeladen. Zusammen saßen sie in einer gemütlichen Sofaecke, während das Publikum sich um die letzten Stühle reissen oder eben auf dem Boden Platz nehmen musste; es wurden Videos und Fotos von den Arbeiten der Kollektive gezeigt, Repräsentationsproblematiken diskutiert, persönliche und politische Selbtsverständisse der einzelnen Künstler_innen befragt, und Herausforderungen des Kunst- und Kulturbetriebs analysiert. Solche Gesprächsrunden machen einfach Spass, weil die Dinge ausnhamsweise mal dezidiert aus postmigrantischer und postkolonialer Perspektiven besprochen, erzählt und befragt werden. Nur leider konnte auch in diesmaligen Planet X – trotz der Schwarmintelligenz auf der Sofaecke – die eine- Millionen-Frage nicht beantwortet werden: Wie kann das Theater in einen Raum verwandelt werden, der nicht gar so weiß ist? Schlagworte wie Öffnung, personelle Umstrukturierung, andere Formate, Partizipation, Kooperationen, gezielte Öffentlichkeitsarbeit kursieren in allen Köpfen, aber geholfen hat’s bis dato nicht wirklich, zumindest nicht nachhaltig und perspektivisch. Vielleicht ist die Frage einfach falsch? Vielleicht muss man mit Simone Dede Ayivi darin übereinstimmen, dass der Theatergenuss nun mal nichts weiter als eine elitäre Bildungsvorstellung ist, und als solches auch nicht mehr Wert beigemessen kriegen sollte als der Netflixgenuss. Ja! Schön ist die Vorstellung schon, die weiße Parallelgesellschaft im Theater einfach zu tolerieren, und die Macht der Narrative, die in den hoheitlichen Räumen produziert werden, mit Ignoranz zu strafen. Darüber werde ich diese Nacht mal schlafen. See you tomorrow analog im Pavillion oder digital hier im Blog.

PLANET X. Die Theater-Talk-Show mit Simone Dede Ayivi & Guests (Foto: Houmer Hedayat)